Japan kann ein genialer strategischer Partner für Deutschland und Europa werden
Wenn weltweit nach den beliebtesten Ländern des Planeten gefragt wird, ist Deutschland immer ganz vorne dabei, mal als Nr. 1 vor Japan, mal dahinter. Die britische Rundfunkanstalt BBC stellt solche globalen Umfragen an („positiver Einfluss“ auf die Weltpolitik) oder auch der Anholt Nation Brands Index („gutes Image“), 2025: 1. Japan, 2. Deutschland, 3. Kanada. Länder wie die USA, China, Russland oder der Iran haben hier kaum Chancen auf Podestplätze.
Deutschland und Japan gelten als extrem konstruktive, militärisch zurückhaltende, handelspolitisch zuverlässige Mittelmächte mit einer schönen Kultur – und einer entsetzlichen jüngeren Vergangenheit, aus deren Verbrechensgeschichte man auf unterschiedliche Weise glaubwürdige Konsequenzen gezogen hat. So wurden beide vom Saulus zum Paulus. Die Welt mag solche Wandlungen.
Gerade in den Unwägbarkeiten unserer heutigen Zeitenwende-Zeit, in der so viel Vertrauen verloren gegangen ist, ergeben sich daraus nun auch Chancen auf zusätzlichen (positiven) Einfluss, sei es in der arabischen Welt (trotz Gaza), sei es in Afrika, Ostasien oder Südamerika. Und es ergibt sich daraus eine gesteigerte Verantwortung, durch wachsende eigene militärische Verteidigungsfähigkeit zur Abschreckung revisionistischer Mächte beizutragen.
Im globalen Ranking des Bruttoinlandsprodukts steht hinter der USA und China nach wie vor Deutschland auf Platz 3, Japan auf Platz 4. Bei allen Schwierigkeiten mit Stagnation, Inflation, Migration und Demografie ist die ökonomische Feuerkraft dieser beiden Volkswirtschaften enorm hoch, auch verglichen etwa mit Atommächten wie Indien, Grossbritannien und Frankreich.
Deutschland verdreifacht gerade seinen Militärhaushalt von 50 Milliarden Euro 2022 auf 150 Milliarden 2028. Das 3,5-Prozent-Ziel der Nato wird Berlin spätestens 2029 erreichen (statt wie vorgeschrieben 2035). 2030 beträgt das veranschlagte Verteidigungsbudget in der offiziellen mittelfristigen Finanzplanung der schwarz-roten Bundesregierung dann 180 Milliarden Euro. Haushaltspolitisch geht Deutschland all-in.
Japan, das bisher noch stärker als Europa von der Präsenz und dem konventionellen und nuklearen Schutz der US-Streitkräfte abhängig war, verdoppelt seine Verteidigungsausgaben von 1,1 Prozent (2023) auf 2 Prozent der Wirtschaftsleistung (2027). Im April 2026 sind auch die bisherigen Restriktionen beim Rüstungsexport stark gelockert worden. Eine Reihe von Ländern, darunter Deutschland, gilt jetzt für Tokio als zusammenarbeitsfähig. Über kurz oder lang hätte es hier ohnehin zu einer Öffnung kommen müssen, da sonst die bereits laufende Kooperation mit Grossbritannien und Italien beim „Global Combat Air Programme“ (GCAP) für die Entwicklung eines Kampfflugzeugs der 6. Generation sinnlos gewesen wäre. Denn ohne Exportmarkt wäre der GCAP-Fighter eine teure Spielerei.
Inzwischen sucht Japan aktiv den Kontakt zu deutschem Militär und zur deutschen Rüstungsindustrie. Dabei ist die strategische Herausforderung für Tokio eine kategorial andere als für Berlin. Man hat in Ostasien kein Bündnissystem wie die Nato, dafür aber mehr als eine unfreundlich gesonnene Atommacht auf der Gegenseite: China, Nordkorea und Rußland.
Da der Schutz des Inselreichs allein den verfassungsmässigen Daseinszweck der japanischen Selbstverteidigungskräfte darstellt, braucht Japan (anders als Deutschland in der Mitte Europas) keine besonders starken gepanzerten, weiträumig verlegefähigen Heeresverbände, sondern vor allem überlegene Marine- und Luftwaffen-Kapazitäten. Hinzu kommen die im Land stationierten Land-, Luft- und Seestreitkräfte der USA, hier insbesondere der kampfkräftigste US-Navy-Grossverband, die 7. Flotte. US-Atomwaffen sind auf japanischem Territorium selbst nicht stationiert.
In der Eindämmungsstrategie Washingtons gegenüber China spielt Japan eine wichtige Rolle. Entsprechend freundlich verhält sich selbst Präsident Trump bisher. Aber auch Tokio muss darauf gefasst sein, in Zukunft mit 3,5-Prozent-Forderungen konfrontiert zu werden. Die Argumente wären wohl die gleichen wie die gegenüber den Nato-Europäern verwendeten.
Käme es zu einer militärischen Eskalation zwischen der Volksrepublik China und Taiwan und zu einer Intervention der USA in diesem Krieg, würde Japan nicht unbeteiligt bleiben können. Das Gleiche könnte für den Fall einer Aggression Nordkoreas gegen Südkorea gelten. Japan sitzt also nicht nur erdbebentechnisch auf einem Pulverfass.
Um zusätzliche Beiträge zur Abschreckung in Ostasien leisten zu können und gleichzeitig die rüstungsindustriellen Abhängigkeiten von Amerika etwas mehr zu diversifizieren, ist Tokio an gemeinsamen Projekten mit Europa besonders interessiert. Erste Initiativen Richtung Deutschland hat die Botschaft in Berlin schon gestartet. Andersherum war unsere Luftwaffe schon in Japan, Verteidigungsminister Pistorius auch, Bundeskanzler Merz bisher nicht. Dabei gilt es, durchaus grössere geografische und kulturelle Distanzen zu überbrücken. Geschäfte mit japanischen Firmen sind anders als mit mitteleuropäischen Unternehmen. Auch der japanische Kapitalmarkt ist übrigens an Europa interessiert.
Zu Deutschland sind und waren die Beziehungen im Guten wie im Bösen traditionell seit langem eher eng und freundschaftlich. Zu wilhelminischen Zeiten etwa traf eine erhebliche deutsche Modernisierungshilfe auf fruchtbaren Boden im Land der aufgehenden Sonne, von Medizin über Ingenierskunst bis zum Militär. Das ist nicht vergessen.
Der jeweilige Versuch einer imperialen Neuordnung der Welt durch Deutschland und Japan im Zweiten Weltkrieg war begleitet von unfassbaren Verbrechen gegen Völkerrecht und Menschlichkeit, die in Europa in der industriellen Vernichtung der Juden im Holocaust gipfelten. Beider Länder Niederlage 1945 war total, der Neubeginn sehr unterschiedlich, aber begleitet insbesondere vom Wohlwollen Amerikas.
Nach den Verheerungen im 20. Jahrhundert heute eine gute Rolle in der Weltgeschichte spielen zu wollen, eint beide Länder. Ihre Wirtschaftskraft verpflichtet sie, einen wesentlichen Beitrag zum Erhalt von Freiheit und Frieden zu leisten – an der Seite der USA, aber mit wachsender souveräner Stärke.
Ein gewissermassen „naheliegendes“ Feld japanisch-deutscher Militärkooperation (neben BMD und Deep Precision Strike) könnte der Weltraum sein. Hier hat Deutschland enormen Nachholbedarf. Noch gibt es erst eine Handvoll Bundeswehr-Satelliten im nahen Orbit. Und bisher keine eigenen Launch-Fähigkeiten. Bis 2030 soll sich das radikal ändern: mit Hunderen neuer Beobachtungs- und Kommunikations-Satelliten, zunächst vielleicht auf Mietbasis, aber dann so schnell wie möglich unter eigener voller Kontrolle. 35 Milliarden Euro darf die Zeitenwende im All kosten.
Japans Pläne gehen auf der anderen Seite des Globus in die gleiche Richtung: souveräne Lagebildfeststellung und Datenverbindung. Das Land verfügt bereits über erprobte Launch-Kapazitäten. Vielleicht könnten sogar die gleichen Satelliten bei einem Umlauf erst die eine und dann die andere für uns und für sie relevante Weltgegend scannen. Win-win. Irgendwo geht immer gerade die Sonne auf.
Zuerst veröffentlicht in der Juni-Ausgabe der ES&T.















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