Das Kommando Spezialkräfte kommt nicht aus den Schlagzeilen

von | 28.02.2021 | Bundeswehr | 0 Kommentare

Der Eliteverband – der gewöhnlich im Verborgen operiert – im Fokus der Öffentlichkeit. Was läuft hier schief?

Das Kommando Spezialkräfte kommt einfach nicht aus den Schlagzeilen. In regelmäßigen Abständen kochen neue Tatsachen oder auch Mutmaßungen hoch, die dann in Parlament, Truppe und Öffentlichkeit breit und mit ehrlichem Entsetzen diskutiert werden. Die ganze Bundeswehr fühlt sich letztlich betroffen, und dies auf keineswegs angenehme Weise. Den meisten Zeitungskommentaren lässt sich jedenfalls ein – mitunter vielleicht auch leicht wohliger – Schauer der Entrüstung entnehmen. Skandale um die Bundeswehr sind ja schon immer mit besonderer Vehemenz aufgegriffen worden, und dies natürlich auch zu Recht, wenn man bedenkt, dass es sich hier um eine staatstragende Säule in der Demokratie handelt. Bei Institutionen, die der staatlichen Sicherheit nach innen oder außen dienen, dürfen auch geringste Grauzonen oder Zweifel nicht hingenommen werden.

Welche Vorwürfe oder Anschuldigungen nun konkret zutreffen oder nicht, wie sie rechtlich zu bewerten sind und wer verantwortlich gemacht werden kann oder muss, das lässt sich von außen kaum seriös beurteilen. Das soll auch hier an dieser Stelle nicht geschehen.

Vielmehr lohnt es sich vielleicht, eine andere Beobachtung aufzugreifen: Der im Zusammenhang mit dem KSK immer wieder genutzte Begriff der „Elitetruppe“. Interessant ist, dass ihn fast jeder Kommentator verwendet. Der eine, weil er der Bundeswehr eher kritisch gegenübersteht und damit signalisieren möchte: Schaut her, sogar auf die sogenannte Elitetruppe ist kein politischer Verlass. Und der andere, weil das KSK für ihn als Prototyp heroischer Kompetenz gilt. Und auch im KSK selbst fühlt man sich ganz offenbar als etwas Besonderes, wenn nicht gar Besseres, verglichen mit dem „normalen“ Soldaten. Vermutlich wird das auch in der – durchaus nachvollziehbaren – Absicht geschürt, Teamgeist und Selbstbewusstsein in besonders kritischen Gefechtslagen zu stärken.

Aber trifft der Begriff „Elitetruppe“ hier wirklich zu? Ist das nicht reichlich überhöht oder gar fehlgeleitet? Sich Elite zu nennen, bedeutet doch den Anspruch zu erheben, Vorbild für andere zu sein. Ein wenig erinnert das an die Diskussion um die Tradition der Bundeswehr oder auch um bestimmte Kasernennamen. So wie dort die rein militärische Leistung nicht alleiniger Maßstab sein darf, sondern das Traditionswürdige in jeder Hinsicht über Zweifel erhaben sein muss, so lässt sich auch der Begriff „Elitetruppe“ nicht nur auf ein einziges Feld, etwa die soldatische Robustheit oder der Umgang mit der Waffe, beziehen. Nein, wer Elite sein möchte, dessen Bild muss in Streitkräften einer Demokratie rundum beispielhaft sein. Und da kommen nun mit Blick auf das KSK doch einige Zweifel auf. Und das nicht erst seit gestern.

Hier ein kleines Beispiel, um einen überzogenen Elitebegriff wieder auf seinen tatsächlichen Gehalt zurückzuführen: Lange vor Gründung des KSK galt – neben den Kampfschwimmern – die Ausbildung zum Heeresbergführer zum anspruchsvollsten, was die Truppe zu bieten hatte. Aber jetzt kommt der Unterschied: Ein Heeresbergführer wird sich selbst eher ungern als Elite bezeichnen. Er ist natürlich mächtig stolz darauf, seine so professionelle wie kameradschaftliche Hilfe anbieten zu können. Aber er würde sich in diesem Stolz niemals gegen andere abgrenzen wollen. Denn „am Berg sind alle gleich“. Welch ein Unterschied zu dem, was man bisweilen aus dem Kreis der Kommandosoldaten heraushört (auch wenn auch dieses Denken keinesfalls verallgemeinert werden darf!) oder was dem KSK von außen als Etikett angeheftet wird.

Schließlich kommt noch etwas hinzu: Wer sich Elite nennt und sich als solche fühlt, der will sich nicht nur von anderen unterscheiden, sondern tendiert auch bisweilen dazu, sich im Zweifel über allgemeingültige Regeln hinwegzusetzen. Etwas Besonderes braucht ja schließlich auch besondere Gesetze, so die vermeintliche Ratio. Wohin das führen kann, lässt sich unschwer ausmalen. Eine Armee in der Armee ist jedenfalls nicht das, was wir anstreben.

Unter dem Strich wird es daher Zeit, das Kommando Spezialkräfte wieder ein wenig zu entmystifizieren – und dies nicht nur aufgrund der jüngsten Vorfälle, die wegen ihrer öffentlichen Wirkung zum Handeln zwingen, sondern auch zum eigenen Vorteil der Truppe selbst. Das KSK deckt einen kleinen, aber eminent gewichtigen Teil der Aufgaben deutscher Streitkräfte ab. Seine Fähigkeiten sind für die Sicherheitsvorsorge Deutschlands unverzichtbar, egal ob im internationalen Kriseneinsatz oder im Rahmen der Bündnisverteidigung. Da besteht doch überhaupt keine Frage. Aber das Gleiche gilt im Heer auch für den Artilleristen, für den Logistiker, für den Fernmelder, für den Infantristen oder Pionier. Vielleicht ist an der These etwas dran: Wenn es gelingt, das Selbstverständnis innerhalb des KSK und die Erwartungen von außen wieder auf ein angemessenes Niveau zurückzuführen, fördert dies die Lösung so manchen aktuellen Problems rund um diesen Großverband.

Kersten Lahl ist ein Generalleutnant a. D. des Heeres der Bundeswehr. Nach seiner Pensionierung im April 2008 war er bis August 2011 Präsident der Bundesakademie für Sicherheitspolitik in Berlin.

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