Vorrang für Ostsee, U-Jagd und BMD

Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine stellt Europa und die NATO vor viele Herausforderungen. Dazu gehört nun auch die Verteidigung der Ostsee. Doch dafür brauchen wir eine starke Marine.

Kleiner war unsere Flotte nie. Aber nicht nur sie. Alle Marinen in Europa sind nach dem Ende des Kalten Krieges geschrumpft. Aus Gegnern im Sowjetblock-Militärbündnis Warschauer Pakt wurden demokratische Partner in Nato und EU. Und nach dem Ukrainekriegs-Schock schliessen sich nun sogar die bisher neutralen nordischen Länder Schweden und Finnland dem atlantischen Verteidigungsbündnis an.

Bis auf Rußland sitzt jetzt das ganze maritime Europa gewissermassen in einem Boot. Wie viel Marine braucht da also Deutschland? Und welche Art Marine?

Ein wesentlicher deutscher Beitrag zur Allianz wird weiterhin mit Sicherheit unsere Verantwortung für die ungehinderte Nutzung der Ostsee und die Kontrolle der Ostseezugänge bleiben. Mitstreiter bei dieser Aufgabe sind Dänemark, Norwegen, Schweden, Finnland und Polen – mit Deutschland sechs nationale Marinen für den Schutz der Ostsee. Dazu noch die (schwachen) Bündniskräfte aus Estland, Lettland und Litauen. Das ist ein vollständig anderes Szenario als 1989, als in diesem Raum nur die BRD, Dänemark und Norwegen zur Nato gehörten.

Auf der Gegenseite steht die Baltische Flotte Rußlands. Sie ist in Baltijsk in der Enklave Kaliningrad stationiert. Im Ernstfall würden ihre 25 Kriegsschiffe (ohne Landungsboote und Minensucher) die regionalen Marinekräfte darstellen, die es sofort zu bekämpfen gälte, nach Möglichkeit am ersten Tag.

Dafür kommen traditionell natürlich die Schnellboote, Korvetten, Fregatten und U-Boote der verbündeten Navies in Frage, aber tatsächlich heute wohl in erster Linie doch eher Luftstreitkräfte mit Jagdbombern und Drohnen sowie auch Cruise Missiles und andere landgestützte Flugkörper.

Für die Seezielbekämpfung aus der Luft unterhielt die westdeutsche Bundeswehr früher einmal zwei enorm starke Marinefliegergeschwader mit über 100 Tornado-Jagdbombern. Heute ist das eine Spiegelstrich-Aufgabe der Luftwaffe. Und bewaffnete Drohnen oder landbasierte Wirkmittel gibt es bei uns noch gar nicht, nur einige bewaffnete Seefernaufklärer (zur Zeit acht P3, künftig acht P8). Auch signalerfassende Aufklärung aus der Luft bleibt wünschenswert – und ein belastbarer Austausch der alliierten Satellitendaten. Hier sind Lücken, die es zu schliessen gilt, am besten in Abstimmung mit den anderen Ostsee-Anrainern, Frankreich, Grossbritannien sowie den USA.

Mehr als sechs Korvetten im Bestand der deutschen Ostseeflotte (zur Zeit geplant: 10) sollten angesichts des gewachsenen Bündnisses wohl nicht erforderlich sein (plus 6 bis 10 moderne bemannte Sperr- und Minenabwehreinheiten). Dazu Drohnen, etwa der Sea-Guardian-Klasse, und zum Beispiel weiterentwickelte Taurus-Marschflugkörper mobil an Land.

Für die Verteidigung der Ostsee wäre ein von der Nato speziell designiertes Marine-Hauptquartier sinnvoll. Rostock könnte, multinational ausgebaut, diese Aufgabe übernehmen. Die von der deutschen Marine initiierte jährliche Baltic Commanders Conference dürfte bereits eine gute Grundlage gelegt haben.

Zu koordinieren und im Ernstfall zu führen wären auch alle zivilen und militärischen Aktivitäten zum Schutz der kritischen Infrastruktur unter Wasser. Nach den Rußland zuzurechnenden Anschlägen auf die Erdgas-Pipelines Nord-Stream 1 und Nord-Stream 2 handelt es sich dabei nicht mehr nur um theoretische, sondern um jederzeit gegenwärtige Gefahren für Seekabel und Röhren. Die Bedrohung beginnt nicht erst, wenn es tatsächlich zum Krieg käme. Deshalb braucht das Bündnis neue Sensoren und Wirkmittel, vor allem aber ab sofort ein besseres Lagebild durch die Zusammenführung aller verfügbaren zivilen und militärischen Daten. Das gilt nicht nur für den Ostseeraum.

Ähnlich wie in den Zeiten des Kalten Krieges wird die Seeverbindung zwischen Nordamerika und Europa unter allen Umständen offen zu halten sein.

Dafür werden Trägerkampfgruppen und U-Boote der (wiederbelebten) 2. und der 6. US-Flotte zur Verfügung stehen. Ausserdem die Flotten aller anderen maritimen Nato-Staaten: Grossbritannien, Frankreich, Kanada, Spanien, Portugal, Belgien, Niederlande, Italien, Kroatien, Griechenland und Türkei, soweit sie nicht wie Rumänien und Bulgarien gegen die russische Schwarzmeer-Flotte (Stützpunkte: Sewastopol auf der Krim und Tartus in Syrien) gebunden sind.

Im Nordatlantik ist von Deutschland nicht mehr als ein angemessener Beitrag gefordert, keine exponierte Führungsverantwortung, kein Rahmennation-Modell.

Auf der Gegenseite steht die russische Nordflotte mit ihren Barentsee- und Weißmeer-Basen. Die tödlichste Gefahr dieser Kräftegruppe sind U-Boote und weitreichende Hyperschall-Flugkörper. Deshalb sind zusätzliche Einheiten zur U-Jagd und zur Raketenabwehr hochwillkommen, auch von Deutschland.

In den Zeiten vorwiegend asymmetrischer Bedrohungen und Präsenz zeigender Dauermissionen gegen Terror, Piraterie, Schlepper und Waffenschmuggel spielten HighTech-Fähigkeiten dieser Art kaum mehr eine Rolle. Sie müssen auch in der deutschen Marine nun erst wieder ertüchtigt werden. Das gequälte Aufgabensuchen von „Artilleriewirkung an Land“ bis „Spezialkräfte-Verbringung“ (Klasse F-125) führt zu nichts mehr. Es geht wieder um existenziellere Dinge.

Deshalb sind Überlegungen der Marineführung, die Zielgrösse der beiden Fregattengeschwader von 15 auf insgesamt 12 Schiffe zu reduzieren und diese 6:6 auf U-Jagd/ASW (Klasse F-126) und Luftabwehr/BMD (Klasse F-127) – alle mit ASW-fähigen Hubschraubern oder Drohnen – aufzuteilen, sehr nachvollziehbar.

Darüber hinaus sollten die Bündnispartner erwarten dürfen, dass Deutschland nicht nur in grossem Maßstab U-Boote in alle Welt exportiert, sondern auch eine eigene, substanzielle (U-jagdfähige) U-Boot-Flottille im Umfang von vielleicht 8 bis 12 Booten (Klasse U-212/212 CD) selbst einbringt (Bestand zur Zeit: 6, geplant: 8).

Alle diese Beiträge zum Schutz der Nordatlantik-Route würden sich in einem alternativen Szenario auch zur Beteiligung an ggf. notwendig werdender europäischer oder alliierter Power-Projection im indo-pazifischen Raum eignen. Die grossen Einsatzgruppen-Versorger dafür gibt es bereits.

Deutsche Fregatten, die wie die amerikanischen Aegis-Zerstörer Teil der strategischen Raketenabwehr der Nato wären, würden den deutschen Führungsanspruch in der europäischen Hälfte des atlantischen Bündnisses auf eine neue Ebene heben: erstens als globale Ergänzung zur landgebundenen Ballistic Missile Defence (künftig Arrow-3) für den deutschen Raumschutz und zweitens als rein defensives Äquivalent zur deutschen nuklearen Teilhabe durch US-Atombomben und F-35-Jagdbomber. Die nukleare Gefahr ist real, Putin verfügt über 6000 Sprengköpfe. Und er droht mit Atomschlägen.

In diese teure BMD-Technologie werden nicht viele Nato-Mitgliedstaaten investieren können. Das reichste Land Europas, das im übrigen nicht für eigene Atomwaffen, Atom-U-Boote und Flugzeugträger aufkommen muss (wie die ständigen UN-Sicherheitsratsmitglieder Frankreich und Grossbritannien), sollte das aber leisten wollen.

Mehr denn je kommt es heute wieder auf das scharfe Ende an, konventionell und nuklear. Nur echte, tatsächlich vorhandene Fähigkeiten schrecken ab. Das heisst auch: Es eilt.


Dieser Artikel erschien ebenfalls im Magazin „Die Bundeswehr“ in der Ausgabe 12/2022.

Dr. Hans-Peter Bartels (* 7. Mai 1961 in Düsseldorf) gehörte von 1998 bis 2015 dem Deutschen Bundestag als direkt gewählter Abgeordneter (SPD) an. Von 2015 bis 2020 war er Wehrbeauftragter des Deutschen Bundestages und setzte sich in seiner Amtszeit intensiv für eine bessere Ausstattung der Bundeswehr ein. Seit Mai 2022 ist er Präsident der Gesellschaft für Sicherheitspolitik e.V.

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3 Kommentare

  1. Oleg Olkha

    Das ist nichts, worüber wir uns schämen müssen, es ist Zeit… https://www.mako.co.il/news-n12_magazine/2022_q1/Article-052369d6b95bf71026.htm&utm_source=Whatsapp&utm_mediu (google) „Dies ist eines der geheimsten Projekte Israels, das bei Geheimdiensten im gesamten Nahen Osten große Neugier weckt: Vertikale Marschflugkörper mit einem Atomsprengkopf. Und nicht nur – und es findet überhaupt in Deutschland statt…“ „Vertical Launching System“ zum 212CD -erforderlich! Regards…

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  2. yh2lt6b

    Interessant und recht konkret skizziert sind die aktuellen Herausforderungen sowie eine realitätsnahe mögliche Variante diesen zu begegnen.

    Aufrüstung wird es ohne aktive Auseinandersetzung weiter nur sehr begrenzt geben, und daher ist die Aufgabenstellung für die langfristige Planung von elementarer Bedeutung. Die nötige Korrektur ist begriffen und in der Umsetzung, nur die „Luft nach oben“ ist das was es gilt – wie in jeder Truppengattung – für sich von der Politik einzufordern.

    Ob wir im maritimen Bereich in den Zeiten asymetrischer Bedrohung mit der angepeilten Ausrichtung annähernd ausreichend gewappnet sein werden, werden nur Historiker in der Rückschau angemessen einordnen können.

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  3. Clemens Speer

    Sehr interessanter Beitrag! Eine Frage: Was soll aus den vier Einheiten der Klasse 125 werden, wenn die Planungen der Reduktion der Zielgröße auf 12 Schiffe vollzogen wird?

    Und als kritische Bemerkung, um diese Planungen umzusetzen müssten erstmal 6 x F 126 und 6 x F 127 beschafft werden. Danach sieht es aktuell leider nicht aus. Die weiteren Einheiten der F 126 wurden zuletzt aus dem Sondervermögen gestrichen und eine Finanzierung aus dem EP14 ist bei der aktuellen Entwicklung unwahrscheinlich. Und ob tatsächlich 6 F127 beschafft werden, wage ich sehr zu bezweifeln. Angesichts dessen das diese sich am Fähigkeitsprofil der US-Zerstörer orientieren sollen ist ein Stückpreis von 2,5-3 Mrd. € zu erwarten. Da können wir uns wahrscheinlich glücklich schätzen wenn es einen 1:1 Ersatz gibt.

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