Wo Verteidigung Führung braucht

Ein Denkanstoß

Drei Dinge muß die immer noch recht neue Verteidigungsministerin Christine Lambrecht in ihrem Zuständigkeitsbereich dringend ordnen.

Erstens: Waffen für den Überlebenskampf der Ukraine zur Verfügung stellen! Dabei geht es nicht nur um das Abknapsen von Handwaffen und Munition aus den kargen Beständen unserer Bundeswehr, sondern ab sofort wohl auch um komplexere Militärtechnik. Das bisher vorgeschobene Argument, alles, was wir jetzt abgäben, schwäche leider unsere eigene Verteidigungsfähigkeit, sollte sie allerdings sofort aussortieren! Denn Deutschlands Beitrag zur Bündnisverteidigung in Europa richtet sich ja gegen keine andere militärische Bedrohung als genau die, der die Ukraine jetzt im bitteren Krieg um ihre staatliche Existenz entgegentreten muß.

Um es auf den Punkt zu bringen: Russische Kampfkraft, die sich im Anrennen gegen eine wirksame ukrainische Verteidigung abnutzt, bedroht dann auch uns und unsere Bündnispartner im Osten nicht mehr. Wir können geben. Insbesondere aus solchen Materialbeständen, die unsere Industrie schnell wieder auffüllen kann. 

Die Koordination aller deutschen Ausrüstungshilfe für die Ukraine sollte klar beim Verteidigungsministerium liegen. Das übliche Kompetenzmikado zwischen Bendlerblock, Auswärtigem Amt, Wirtschaftsministerium und Kanzleramt würde sich heute als Obstruktion darstellen, nicht nur ärgerlich, sondern potenziell tödlich.

Was die Industrie schnell liefern kann, auch zur Ausschöpfung des EU-Waffenhilfe-Fonds von einer Milliarde Euro (wovon wie üblich ein Viertel, 250 Millionen, deutsche Steuergelder sind), muss kontinuierlich koordiniert und genehmigt werden. Erst sammeln, dann mit Nato-Partnern und der Ukraine koordinieren, dann genehmigen, bedeutet inakzeptable Verzögerung, während Gefahr im Verzuge ist.

In den nächsten Tagen dürfte Ausbildungshilfe der Bundeswehr (in Deutschland oder in Polen) für den ukrainischen Umgang mit komplexerer westlicher Technik ein Thema werden. Auch das ist nichts für die Methode „Prüfen und auf die lange Bank schieben“, sondern für prompte Entscheidungen.

Zweitens: Die Operation „Lücken schließen“ mit Hilfe des von Bundeskanzler Olaf Scholz in Aussicht gestellten Sondervermögens kann, wenn das Beschaffungsmanagement entsprechend ertüchtigt ist, eigentlich nicht schief gehen. Denn die Ausrüstungsplanungen für eine moderne Vollausstattung gibt es längst. Das Konzept zur Erfüllung aller Nato-Zusagen heißt „Fähigkeitsprofil der Bundeswehr“ und stammt von 2018. Die zusätzlichen 100 Milliarden Euro würden jetzt ziemlich genau die Summe der Finanzierungslücken bei all diesen Projekten abdecken, vom Tornado-Nachfolger (jetzt F-35) und dem Schweren Transporthubschrauber über digitale Kommunikation und mehr Artillerie bis zu Nachtsichtgeräten, Schutzwesten und Rucksäcken.

Zusätzlich muß wohl aus gegebenem Anlaß ein neues Projekt der „erweiterten Luftverteidigung“ zum Raumschutz aufgelegt werden. Einen Namen gibt es schon: „Territoriale Flugkörperabwehr German Iron Shield“ (gegen SS-26 „Iskander“, RS-26 „Rubezh“, SS-27 „Topol“ und SS-24 „Jars“). Entsprechende Missile-Defense-Systeme haben Israel („Arrow-3“) und die USA („THAAD“) entwickelt. 

Auch eine weitreichende seegestützte Raketenabwehr durch die Marine wäre wünschenswert und möglich. Die amerikanischen „Aegis“-Zerstörer der „Arleigh-Burke“-Klasse, von denen regulär vier in Europa stationiert sind, schützen gegenwärtig vom Mittelmeer und von der Ostsee aus das europäische Bündnisgebiet, so gut es geht.

Die Verteidiger und die Haushälter im Deutschen Bundestag dürften jetzt sehr scharf darauf achten, dass kein Geld liegen bleibt – und dass es schnell geht.

Drittens: Ohne innere Strukturreform nützt zusätzliches und besseres Material zu wenig. Die Bundeswehr war mit der Spar- und Schrumpfreform der Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg und Thomas deMaiziere von 2011 voll auf den damals laufenden Afghanistan-Einsatz ausgerichtet worden. Deshalb gibt es heute keine aus dem Stand verlege- und operationsfähigen Großverbände des deutschen Heeres mehr. Fest zugesagt sind der Nato aber inzwischen drei kampfstarke Divisionen (je etwa 20.000 Soldatinnen und Soldaten) mit 8 bis 10 voll einsatzfähigen Brigaden. Im Moment ist keine einzige Brigade strukturell voll ausgestattet und autark.

Nach aktueller Analyse des Heeres fehlen den Divisionen vor allem die direkt zugeordneten Divisionstruppen. Und alle Unterstützungselemente, von Nachschub über Fernmelder bis Sanität, müssen aus anderen, ganz eigenständigen „militärischen Organisationsbereichen“ (Streitkräftebasis/SKB, Cyber und Sanitätsdienst) beantragt, bewilligt und zugeführt werden. Es gibt kein funktionsfähiges Ganzes, keine „organischen“ Verbände. Auch dafür existieren die Pläne zur Umgliederung (mehr dazu). Aber die Umsetzung stockt seit dem Regierungswechsel. Was den Org-Bereichen, die dabei „verlieren“ würden, die Gelegenheit gibt, noch einmal tapfer für die Zukunftsfähigkeit des alten Status Quo zu argumentieren. Daran hängen auch Kommandos und Karrieren.

Das Motto, das Generalinspekteur Eberhard Zorn im Interview mit der Zeitschrift des Deutschen Bundeswehrverbandes „Die Bundeswehr“ (April-Ausgabe) ausgegeben hat, ist zweifellos richtig, heute gilt mehr denn je: „Train as you fight!“ Aber die ganze konzeptionelle Wahrheit dahinter muß dann auch heißen: „Organize as you fight!“ Ein möglicher Bündnisfall oder eine schnelle abschreckende Krisenreaktion an der Ostflanke der Nato darf nicht erst einmal mit zähen Bundeswehr-internen „Truppensteller-Konferenzen“ beginnen.

Allein für die Verstärkung des deutschen Nato-Kontingents in Litauen um 350 Soldatinnen und Soldaten mussten sich im Februar und März Generalstäbler von fünf militärischen Organisationsbereichen untereinander abstimmen. Es hat funktioniert. Aber im Ernstfall würde die dafür nötige Führungskapazität anderswo gebraucht.

Dieser Artikel erschien am 09.04.2022 unter: https://www.thepioneer.de/originals/thepioneer-expert/articles/wo-verteidigung-fuehrung-braucht

Dr. Hans-Peter Bartels (* 7. Mai 1961 in Düsseldorf) gehörte von 1998 bis 2015 dem Deutschen Bundestag als direkt gewählter Abgeordneter (SPD) an. Von 2015 bis 2020 war er Wehrbeauftragter des Deutschen Bundestages und setzte sich in seiner Amtszeit intensiv für eine bessere Ausstattung der Bundeswehr ein. Seit Mai 2022 ist er Präsident der Gesellschaft für Sicherheitspolitik e.V.

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2 Kommentare

  1. Kersten Lahl

    Zum Aspekt „Organize as you fight“, gegen den natürlich grundsätzlich nichts spricht, nur 3 kurze Gedanken zur Debatte:

    1. Die Bundeswehr ist auch in der Zeitenwende kein weißes Blatt, auf dem man etwas völlig Neues und Erfolgversprechendes skizzieren könnte. Sie besteht aus lebenden Truppenkörpern, aus eingespielten Verfahren, aus geübter Auftragserfüllung. Jede Reform (und da haben wir in den vergangenen 25 Jahren so eingehende wie bittere Erfahrungen) bedeutet eine unglaubliche Kraftanstrengung, eine Konzentration auf den eigenen Bauchnabel, einen zumindest vorübergehend deutlichen Leistungsverlust – und vor allem viele Jahre, bis sie sich in der Substanz auszahlt. Haben wir in der aktuell so kritischen Lage diese Zeit?

    2. Das Prinzip „organize as you fight“ klingt gut. Aber es ist ein Prinzip, das man sich nur leisten kann, wenn überhaupt kein Mangel an Kräften herrscht. Das entspricht nicht der Realität, derzeit schon gleich gar nicht. Im Heer etwa gab es so gut wie noch nie „organische Verbände“, die im Gefecht völlig autark wären. Aber auch auf der Großverbandsebene ist jede Brigade auf Divisions- oder Korpstruppen angewiesen, die je nach Lage und Auftrag zeitlich befristet unterstellt oder auf Zusammenarbeit angewiesen werden. Mühsame Truppenstellerkonferenzen im Vorfeld von internationalen Kriseneinsätzen sind ärgerlich, keine Frage. In der Bündnisverteidigung geht das gar nicht. Aber dann ist eben eine klare Führung gefragt.

    3. Bündnisverteidigung heute muss man anders verstehen als in Zeiten des Kalten Krieges, als sich alles auf das eigene Land konzentrierte. Künftig gibt es zwei große Räume: An der Frontlinie z.T. weit außerhalb Deutschlands, und in Deutschland selbst. Die Herausforderungen sind höchst unterschiedlich: Unmittelbares Gefecht vs. Aufmarschgebiet (auch etwa für US-Truppen) bzw. Heimatschutz. Hinzu kommen völlig neue technologische Entwicklungen (KI, Cyber etc), die das künftige Kriegsbild wesentlich verändern und sehr viel mehr Spezialfähigkeiten erfordern als bisher. Das spricht durchaus dafür, jeweils eigene Verantwortlichkeiten zu schaffen.

    Aber klar: Auch Strukturüberlegungen sollten jetzt auf den Tisch. Ich rate nur von allzu einfach klingenden Überlegungen ab, die im Ergebnis die ohnehin miserable Lage noch verschlechtern könnten, zumindest vorübergehend.

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  2. Samuel Buschhorn

    Weitgehende Zustimmung meinerseits, ich versuche der Kontroversität halber aber eine etwas andere Akzentuierung vorzuschlagen und mit Beispielen zu versehen. Zu:

    1. Die Standartbewaffnung des Eurofighter läßt sich auf Boden-Luft Einsatz umstellen (Im Gespräch dazu am 24.03. von Diehl Defence bestätigt). Feuerleitsystem auf Basis der für Saudi Border Security vorgesehenen und nun schon länger verfügbar gewordenen Hensoldt Spexer. Effektoren gibt es auch zahlreich in Spanien und Italien.
    Situationsangepasster Einsatz mit Feldbehelfsstarteinheiten erlaubt z.B. auch den Einsatz direkt aus dem stark geschütztem Abwassersystem.
    Die nach Ägypten vorgesehene Export der GBAD Variante muss hier wohl kaum noch erwähnt werden.
    Vorbereitung der Entsprechenden Anfrage beim BMWK ist im ukrainischen Generalstab in Arbeit.

    2. „…, wenn das Beschaffungsmanagement entsprechend ertüchtigt ist…“
    Dieser Nebensatz wird meiner Meinung nach der Größenordnung der Aufgabe nicht gerecht. Mir ist bewusst, dass die Gemengelage hier komplex ist, und das die Dynamiken sehr Pfadabhängig und weitreichend sind, bzw. wirken können. Meine Einschätzung ist aber, dass eine Reformierung des Beschaffungssystems unter weitgehender Beibehaltung des Personals (auf „beiden“ Seiten) wenig plausibel erscheint – insbesondere nicht in dem gebotenem Zeitrahmen, der deutlich unter einer „Karrierelänge“ liegt. Auf die Frage wo, und wie man das Personalseitige Problem angeht möchte ich mich aber hier ersteinmal nicht viel weiter einlassen. Vielleicht sei gesagt dass ich erwarten würde die effektivsten Ansätze brächten notwendigerweise eine signifikante Kompetenzbündelung mit sich, der dann eine entsprechend ausgestattete Überwachung gegenüber stehen müsste.

    Auch hier ein konkretes Beispiel einer anderen Akzentuierung:
    In Deutschland sind in der Größenordnung von 385.000 zivil genutzer Drohnen in der Bevölkerung verfügbar. Zusammen mit dem Luftfahrt Bundesamt, DAeC, DMFV und einer europaweiten Medienkampagne ließen sich allein in Deutschland, Frankreich (wo eine noch bessere zentrale Registrierung und weiter Verbreitung die Regel ist), GB, Spanien, Italien innerhalb von 2 Wochen ein den Bedarf bei weitem übersteigender Zufluss realisieren.
    Gleichzeitig kann auf europäischer Ebene zusammen mit UAF sofort und kontinuierlich SoP, RoE, und Verbesserung und Härtung der Technologie forciert werden.
    Hier sei angemerkt, dass die kritischen Aspekte der Moral und der Gefangennahme direkt betroffen sein können.

    Ein zweites Beispiel betrifft die sofortige Unterweisung jeglichen geeigneten UAF personals in der Nutzung des Musters Panavia Tornado IDS und ECR. Einsatz von modernen Technologien (VR, flankiert von Anduril Industries) in Kombination mit abkömmlichen Maschinen (ich 20-30 aus der aktiven Truppe, und weitere 30-50 z.Zt. mehr oder minder kannibalisiertem Zustand) würde für ein sehr deutliches Signal und einer drastisch zunehmenden Abschreckung sorgen.
    Meine Schätzung ist, dass innerhalb weniger Wochen 10-30 weitere Maschinen in deinen bedingt gefechtsbereiten Zustand versetzt werden können. Zumindest um eine Flug hin zu einem strategischem Nadelöhr der russischen Versorgung (und sei es auch nur im Sinne eine force-in-being) möglich zu machen.

    Zwei letzte Beispiele will ich nur sehr kurz anreißen: MANTIS + S-300, Daten, Erfahrung, ermöglichen gezieltere Investition und Entwicklung von German Iron Shield.
    Ich konnte binnen Tagen für 5 EUR das Paar Knie- und Ellenbogenschützer (ehem. der US Armee, teils noch Verpackt in fast beliebigen Mengen) kaufen und nach Polen fahren. Gleiches galt für MOLLE-Granattaschen und Zielfernrohre. Dringend benötigte Ausrüstung auf Regalen verstauben zu lassen ist ein Versagen in der Beschaffung.

    3. „Train as you fight!“, „Organize as you fight!“ – vorsichtige Zustimmung.
    Gewagte These meinerseits:
    Die Ukraine hat aus maßgeblich aus einem Grund entgegen den Vorhersagen die ersten 72 Stunden überlebt:

    Die rapide Mobilisierung aus breiten Teilen der Gesellschaft heraus, die binnen Stunden und Tagen Stadtkämpfe zur strategischen Aussichtslosigkeit verdammt haben (siehe hierzu John Spencer, MWI).
    Diese Mobilisierung war möglich weil der Informationskrieg lange im Voraus darauf vorbereitet war (und dies nicht in erster Linie durch das Militär, siehe hierzu Dr Olga Boichak) und die Institutionen zumindest bereit waren solche Entwicklungen konstruktiv zu flankieren.

    Im Vergleich dazu wäre in Deutschland keine auch nur annähernd geeignete Gemengelage zu finden gewesen. Nicht in den Institutionen (5000 Helme, nachdem man sie 2015 aussortiert hat). Nicht in den Breiten-Medien, deren Nuanciertheit sich in den meisten Fragen bei „Panzer“, „Waffe“, und einem grotesken Biedermeier-Zerrbild von „historischer Verantwortung“ erschöpft – wenn man einmal von Herrn Wiegold oder Herrn Flocken absieht.

    Das wiegt für mich in diesem Kontext eigentlich wesentlich schwerer als ein paar Kompanien mehr oder weniger in einem Bündnis dessen Stern diese Wochen wohl hell aber auch sehr ungleichmäßig leuchtet, und darüber wohl unwiderruflich im Untergang begriffen ist (um jetzt mal all meine kontoversen Karten in einem Zug auszuspielen).

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Dr. Hans-Peter Bartels (* 7. Mai 1961 in Düsseldorf) gehörte von 1998 bis 2015 dem Deutschen Bundestag als direkt gewählter Abgeordneter (SPD) an. Von 2015 bis 2020 war er Wehrbeauftragter des Deutschen Bundestages und setzte sich in seiner Amtszeit intensiv für eine bessere Ausstattung der Bundeswehr ein. Seit Mai 2022 ist er Präsident der Gesellschaft für Sicherheitspolitik e.V.

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