Vergangenheitsbewältigung

Warum wir nach dem Russland-Debakel erneut aus der Geschichte lernen müssen

Als in Osteuropa noch der totalitäre Sozialismus real existierte, gab es dort ein Bonmot über das Wesen der Geschichte: Die Zukunft stehe fest, spotteten die Dissidenten, sie sei nachzulesen bei den Klassikern des historischen und dialektischen Materialismus. Was dagegen immer wieder neu geschrieben werden müsse, sei die Vergangenheit.

Tatsächlich wird Geschichte immer wieder umgeschrieben – in diktatorischen Systemen (weil die aktuelle Parteilinie gerade eine bessere historische Legitimation benötigt) wie in offenen Gesellschaften (weil auch die Geschichtswissenschaft ständig dazulernt).

Und manchmal brauchen Demokraten sogar nachholenden Geschichtsunterricht, weil das Bild, das sie von sich selbst und ihrer Umwelt haben, unvollständig ist und sie blind macht für die Realitäten der Gegenwart. Wir Deutsche hatten allerdings so vorbildlich Lehren aus den dunkelsten Kapiteln unserer Vergangenheit gezogen, dass es uns heute besonders schwer fällt, Abschied von einigen fatalen historischen Klischees zu nehmen. Erforderlich sind Korrekturen in den folgenden acht Punkten:

Erstens, nein, Deutschland und Russland sind keine Nachbarn! Und bitte auch nie wieder! Immer wenn wir eine gemeinsame Grenze hatten, bedeutete das für viele Völker Osteuropas, dass sie unter preussisch-deutsch-österreichischer oder unter russischer Fremdbestimmung zu leben hatten. Die Länder „dazwischen“ heissen heute Polen, Tschechien, Slowakei, Ungarn, Rumänien, Estland, Lettland, Litauen, Moldau, Weissrussland und Ukraine.

Zweitens, dieses Osteuropa war im 20. Jahrhundert Schauplatz barbarischer Verbrechen, ausgehend von beiden totalitären Mächten, von Berlin und Moskau, von Nazi-Deutschland und der Sowjetunion. Der amerikanische Historiker Timothy Snyder nennt die Gebiete des Massenmords „Bloodlands“. Auschwitz, Majdanek, Belzec, Sobibor, Treblinka, Maly Trostinez: polnische und belarussische Ortsnamen der grössten nationalsozialistischen Vernichtungslager. Der Hitler-Stalin-Pakt, die sowjetischen Massaker an der bürgerlichen Elite Polens (nicht nur in Katyn), das Aushungern des bäuerlichen Widerstands in der Ukraine (Holodomor), die stalinschen Säuberungen, das millionenfache Sterben im Archipel Gulag – diese Geschichte des Grauens verbindet in gewisser Weise beide Gewaltimperien. Während aber das demokratische Nachkriegs-Deutschland versucht hat, seine entsetzliche Vergangenheit so gut es geht zu bewältigen, hält Putin heute noch den Hitler-Stalin-Pakt für weise, die sowjetische Annexion der baltischen Staaten und des östlichen Teils Polens für richtig und leugnet den Holodomor.

Drittens, Deutschlands Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 war kein Krieg gegen Russland allein, kein „Russlandfeldzug“, auch wenn sich diese Wahrnehmung im kollektiven Bewusstsein der Deutschen so festgesetzt haben mag. Die proportional höchste Opferzahl hatte die Ukraine zu erleiden, die im Zweiten Weltkrieg ein Viertel ihrer Einwohnen verlor: Gefallene, Ermordete, Verhungerte. Das deutsche Gedenken der Opfer des Ostkrieges kann deshalb keine exklusiv deutsch-russische Angelegenheit sein (was auch dem Bundespräsidenten nicht immer klar war).

Viertens, nicht Russland hat die Deutschen von der Hitler-Diktatur befreit, sondern die Alliierten gemeinsam: die USA, Grossbritannien und die Sowjetunion. Moskaus eigenes militärisches Überleben war im übrigen durch einen beständigen Strom angelsächsischer Waffenlieferungen unterstützt worden. Zur Roten Armee gehörten damals nicht nur russische, sondern auch etwa die ukrainischen und die baltischen Soldaten.

Fünftens, galt in Zeiten der sozialliberalen 70er-Jahre-Ostpolitik, dass alle Wege zur Aussöhnung und Wiedergutmachung und zur Normalisierung des (bundes-) deutschen Verhältnisses zu den osteuropäischen Staaten über Moskau führen, weil die Regierungen dieser Staaten (als Ergebnis der Konferenzen von Jalta und Potsdam) kommunistische Parteidiktaturen am langen Arm der KPdSU waren, so gilt seit dem Ende der Blockkonfrontation, seit der Auflösung des Warschauer Pakts und dem Zusammenbruch der Sowjetunion ausdrücklich das Gegenteil. Alle ehemaligen sowjetischen Satelliten suchen heute Sicherheit vor russischer Fremdbestimmung in der Nato, in der EU und in möglichst engen Beziehungen zu den USA. Deutsche Russlandpolitik musste also eigentlich seit 1990 diesem Umstand Rechnung tragen. Tatsächlich jedoch gab es zu oft eine eher abschätzige Haltung gegenüber den ehemals kommunistischen Transformations-Gesellschaften Osteuropas einerseits und eine exklusive Von-Macht-zu-Macht-Politik zwischen Berlin und Moskau andererseits.

Sechstens, Russland ist in vielerlei Hinsicht Rechtsnachfolger der Sowjetunion, sei es als P5-Vetopower im UN-Sicherheitsrat, sei es als Atom-Supermacht (andere ehemalige Sowjetrepubliken haben nach dem Budapester Memorandum von 1994 freiwillig die auf ihrem Gebiet stationierten sowjetischen Nuklearwaffen an Russland übergeben). Aber das heutige Russland repräsentiert mit 145 Millionen Einwohnern gegenwärtig nur noch die Hälfte der früheren sowjetischen Bevölkerungszahl. Sein Bruttoinlandsprodukt liegt zwischen dem Spaniens (47 Mio. Einwohner) und Italiens (60 Mio.), das Pro-Kopf-Einkommen unter dem Costa Ricas. Zwar ist Putins Reich immer noch ein Vielvölkerstaat, aber das alte kommunistische Sowjetimperium, von Ostberlin bis Wladiwostok, ist seit drei Jahrzehnten Geschichte, unwiederbringlich.

Siebentens, das deutsche Russland-Appeasement der Jahre seit dem ersten Ukrainekrieg 2014 hat den Weltfrieden nicht sicherer gemacht, im Gegenteil. Die Ausweitung unserer Energieabhängigkeit (Nord Stream 2) stellte einen bewussten deutschen Alleingang dar. Unsere osteuropäischen und amerikanischen Bündnispartner haben massiv davor gewarnt. Berlin dagegen hat Spaltungstendenzen in Nato und EU Vorschub geleistet, indem die Phrase von europäischer Sicherheit „nur mit“ Putins Russland besserwisserisch als der Weisheit letzter Schluss ausgegeben wurde – entgegen aller revisionistischen, revanchistischen und imperialistischen Ankündigungen aus dem Kreml. Die Rede von Bundeskanzler Olaf Scholz am 27. Februar 2022, drei Tage nach Russlands Überfall auf die Ukraine, und auch die neue nationale Sicherheitsstrategie der Ampel-Regierung machen nun unmissverständlich Schluss mit dieser ostalgischen Illusionspolitik.

Achtens, was noch aussteht, ist eine Aufarbeitung der Gründe für diesen epochalen russlandpolitischen deutschen Sonderweg. Von alten mentalitätsgeschichtlichen Aspekten (tiefe Seelenverwandtschaft, antiwestliche Strömungen, Äquidistanz-Konzepte) über politische Pfadabhängigkeiten bis hin zu ökonomischen Sondervorteilen wäre da einiges zu betrachten. Allen Widerständen zum Trotz dürfen wir optimistisch sein. Denn im Fach „Lernen aus der Geschichte“ ist ja das demokratische Deutschland bekanntlich Weltmeister.


Dr. Hans-Peter Bartels (* 7. Mai 1961 in Düsseldorf) gehörte von 1998 bis 2015 dem Deutschen Bundestag als direkt gewählter Abgeordneter (SPD) an. Von 2015 bis 2020 war er Wehrbeauftragter des Deutschen Bundestages und setzte sich in seiner Amtszeit intensiv für eine bessere Ausstattung der Bundeswehr ein. Seit Mai 2022 ist er Präsident der Gesellschaft für Sicherheitspolitik e.V.

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2 Kommentare

  1. Rolf-J. Czerny

    Wo ist mein Kommentar hin?

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  2. Rolf-J. Czerny

    Neuntens: Die Meisten Länder der Welt, insbesondere die direkt betroffenen Länder haben bis heute nicht realisiert, dass kein Land der Welt seine Vergangenheit so aufgearbeitet hat, wie Deutschland. Selbst im Innland fehlt oftmals das richtige Augenmaß, um aus richtig geglaubten Verhaltensweisen die eigentlich logischen und geschichtsrelevanten Schlüsse zu ziehen. Dieses Unvermögen verhindert oftmals den richtigen Umgang, besonders mit den geschichtlichen Konsequenzen, die nicht immer zu Lasten der „bösen“ Deutschen gehen müssen. Viele, besonders jüngere Deutsche haben das Gefühl, den Deutschen wären mit ihrer Vergangenheit alle Zähne gezogen worden, wir wären nur noch der Zahlmeister für die Bedürftigen und fordernden in aller Welt und hätten fast jedes Recht verwirkt, auch mal die Krallen zu zeigen. Eine offene Rückbesinnung auf unsere Stärken und Tugenden ist daher dringend erforderlich, soll sich unser Land nicht in immer tiefere Gegensätze spalten, die zur offenen Auseinandersetzung führen können.

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