Bilanz am Hindukusch

von | 13.02.2021 | International | 0 Kommentare

Wurde Deutschlands Sicherheit am Hindukusch verteidigt?

Es ist kaum zu glauben: In diesem Jahr werden nach den unfassbaren Terrorangriffen auf New York und Washington schon wieder 20 Jahre vergangen sein. Und fast ebenso lange dauert ein deutsches militärisches Engagement, das die Bundeswehr wie kaum eine andere Aufgabe seit dem Ende des Kalten Krieges bestimmt, geformt und beansprucht hat. Dies in der Ausrüstung, in der Ausbildung, in den Führungsprozessen, im soldatischen Selbstverständnis, und nicht zuletzt im öffentlichen Meinungsbild. Wer erinnert sich auch nicht an den legendären und seither heftig umstrittenen Satz des damaligen Verteidigungsministers Struck vom Dezember 2002: „Die Sicherheit Deutschlands wird auch am Hindukusch verteidigt.“

Auf dem ganzen Weg von Ende 2001 bis heute war der Aufwand der internationalen Koalition gewaltig – egal ob in der Phase der International Security Assistance Force (ISAF) oder ab 2015 der Mission Resolute Support (RS). In der Spitze standen 130.000 Soldaten aus 48 Staaten am Hindukusch. Der Bundeswehr, die heute immer noch nach den USA der zahlenmäßig zweitstärkste Truppensteller ist, war daran von Anfang an in unverzichtbarer Weise beteiligt – dies vor allem als Führungsnation im Norden Afghanistans. 59 deutsche Soldaten sind dabei bis zum heutigen Tag gefallen.

Der Erfolg der internationalen Anstrengungen zur inneren Befriedung Afghanistans gilt als durchwachsen, um es optimistisch auszudrücken. Viele Beteiligte und Beobachter behaupten, die Sicherheitslage vor Ort – und dabei auch im zuvor als vergleichsweise ruhig geltenden Norden – habe sich im Gegenteil kontinuierlich eher verschlechtert. Auch sei von einem nachhaltigen Erfolg der eigentlich so richtigen US-Strategie, die „hearts and minds“ der breiten afghanischen Bevölkerung zu gewinnen, nur wenig zu spüren. Manche fällen sogar ein noch drastischeres Urteil: Unter dem Strich habe der Westen am Hindukusch kläglich versagt – wobei meist offenbleibt, bei wem konkret die Schuld dafür liegt und ob ein Erfolg unter den gegebenen Bedingungen überhaupt realistisch gewesen wäre. Im Ergebnis ist es wohl keine Übertreibung zu behaupten: Das Afghanistan von heute ist auch nach zwei Jahrzehnten intensiven internationalen Engagements nicht das, was wir uns anfangs mit viel Enthusiasmus und wohl überzogenen Erwartungen versprochen haben.

Einiges deutet nun darauf hin, dass sich der internationale Afghanistan-Einsatz dem Ende nähert. 2020 haben sich die USA im Doha-Abkommen – quasi im Alleingang – gegenüber den Taliban verpflichtet, unter bestimmten Voraussetzungen (von deren Vorliegen man derzeit wohl kaum sprechen kann) auch den Rest ihrer in den vergangenen Jahren ohnehin drastisch reduzierten Truppen bis Ende März dieses Jahres abzuziehen. Das wäre dann natürlich gleichbedeutend auch mit dem Ende des deutschen militärischen Einsatzes am Hindukusch, dessen aktuelles Mandat ebenfalls in wenigen Wochen ausläuft. Ob und wann genau es dazu kommt, ist aktuell mehr als offen. Alles hängt wohl davon ab, wie der neue US-Präsident Biden in dieser Causa entscheidet.

Wie auch immer die USA sich weiter festlegen: Es ist nun allerhöchste Zeit für eine offene, selbstkritische und tiefgehende Analyse dessen, was über zwei Jahrzehnte hinweg angestrebt und was erreicht wurde. Es darf natürlich nicht passieren, dass wir nach einem Abzug nun schlichtweg wieder zur Tagesordnung übergehen. Die deutsche Sicherheitspolitik, die westlichen Militärstrategien und vor allem die so dringlichen konzeptionellen Überlegungen zur Entwicklung der Bundeswehr brauchen nun eine breite Bestandsanalyse und ehrlicher „Lessons Learned“. Mit anderen Worten: Haben wir die gesetzten Ziele im Ergebnis von 20 Jahren Engagement erreicht – und wenn nicht: Warum nicht und wo genau nicht? Was haben wir eher richtig, was falsch gemacht? Und vor allem auch: Was konnten wir im Lichte der Lage überhaupt erreichen? Stimmten Auftrag und Mittel immer überein? Oder waren die Ambitionen von Anfang an unrealistisch, also im Kern nicht erfüllbar? Und und und …

Diese rückblickenden Analysen und zugleich zukunftsweisenden Perspektiven bedürfen aber zugleich – das kann gar nicht oft genug betont werden – einer Betrachtung deutscher Sicherheitspolitik, die weit über das Militärische hinausgeht. Wie kaum zuvor wurde gerade bei der Afghanistan-Mission die Notwendigkeit sichtbar, alle sicherheitspolitischen Instrumente eng zu verflechten. Es reicht also in keiner Weise hin, einen Kassensturz am Hindukusch nur auf den Beitrag der Bundeswehr zu begrenzen. Das wäre dann zwar irgendwie eine Fortsetzung alter und bequemer Denkgewohnheiten, aber im Kern grundlegend falsch. Afghanistan hat auf schmerzhafte Weise die Anforderungen an eine moderne, umfassende und vernetzte Sicherheitspolitik und dabei auch die Grenzen des Erreichbaren aufgezeigt.

Kersten Lahl ist ein Generalleutnant a. D. des Heeres der Bundeswehr. Nach seiner Pensionierung im April 2008 war er bis August 2011 Präsident der Bundesakademie für Sicherheitspolitik in Berlin.

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