Ursachen des Versagens am Hindukusch gesucht

von | 21.08.2021 | International | 3 Kommentare

Finden wir wenigstens dazu die Kraft?

Das unfassbare Desaster in Afghanistan hat sich eigentlich seit Monaten angedeutet. Aber mit dieser rasanten Geschwindigkeit hat bis zuletzt niemand gerechnet. Bereits eine Woche nach dem Fall von Kunduz stehen die Taliban nun auch in Kabul und haben damit endgültig die Macht am Hindukusch wieder an sich gerissen. So wie das vor 9/11 der Fall war. Vielleicht sogar mit noch schlimmeren Folgen, wer weiß?

Im Augenblick ist wenig Zeit für die Suche nach Ursachen, Versäumnissen und Schuld. Aktuell ist nichts wichtiger, als in verzweifelten Rettungsaktionen möglichst viele gefährdete Menschen aus dem Land herauszuholen. Kabul Airport als Endstation – wie demoralisierend! Aber eines lässt sich spätestens mit Blick auf diese Bilder nicht mehr kaschieren: Wir alle im Westen haben total versagt. 20 Jahre enormer Anstrengungen mit Verlusten an Menschenleben und Kosten in mehrstelliger Milliardenhöhe sind zunichte gemacht. Von den Hoffnungen vieler Afghaninnen und Afghanen, die in ihrem Land auf eine Zukunft unter Achtung elementarer Menschenrechte gesetzt haben, ganz zu schweigen. Es fehlen die Worte, um das alles zu umschreiben. Es ist einfach nur erschütternd. Und Hand aufs Herz: Eigentlich hätten wir es seit Langem wissen oder zumindest ahnen können.

Und mehr noch: Die Langzeitwirkung der aktuellen Misere wird unser künftiges Eintreten für internationale Sicherheit und Konfliktbeherrschung empfindlich beeinträchtigen. Wer in den Krisengebieten der Gegenwart und Zukunft – und vergessen wir nicht: es gibt zahlreiche afghanistanähnliche Regionen in der Welt – wird sich noch auf „den Westen“ verlassen und sich auf ihn einlassen wollen? Wer möchte noch offen für unsere Werte eintreten, wenn sie offenbar trotz größter Mühen und modernster Technologie nicht erfolgreich zu verteidigen sind? Wer will riskieren, in höchster Gefahr so im Stich gelassen zu werden? Und auch: Welchen Zweck haben eigentlich Waffenlieferungen und militärische Ertüchtigung in fremden Kulturen, wenn eine von uns mehr als ein Jahrzehnt lang mühselig hochgepäppelte Armee dann so völlig widerstandslos in sich zusammenbricht und das militärische Gerät in die Hände der Aufständischen fällt?

Es darf nun überhaupt kein Zweifel aufkommen: Die vergangenen 20 Jahre bedürfen einer radikalen Aufarbeitung. Die Zeit naiv überzogener Zielsetzungen, halbherzigen Mitteleinsatzes, aber auch latenter und mit Schönreden gepaarter Interesselosigkeit ist nun gezwungenermaßen zu Ende. An einer schonungslos offenen und ehrlichen Bilanz führt kein Weg mehr vorbei. Die Analyse darf nichts ausklammern, sondern muss alle Akteure und Aspekte einer vernetzten Sicherheitspolitik und deren ausgewogene Balance erfassen. Die einzige Hoffnung nämlich, die uns in der miserablen Lage heute noch bleibt, ist die auf einen Lerneffekt. Das ist zwar verdammt wenig, aber sie darf nicht auch noch verloren gehen.

Kersten Lahl ist ein Generalleutnant a. D. des Heeres der Bundeswehr. Nach seiner Pensionierung im April 2008 war er bis August 2011 Präsident der Bundesakademie für Sicherheitspolitik in Berlin.

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3 Kommentare

  1. Gluth Heinz

    In den Friedensgesprächen im Juli 2018 , 1 Woche nach der Fußball WM , haben Tramp und Putin in Helsinki vereinbart ,das sich die USA aus Syrien und Afghanistan zurück ziehen werden . J. Beiden wollte dieses dann Anfang 2021 korrigieren ,aber die Taliban haben Herrn Beiden schnell klargemacht ,was ein Wortbruch bedeutet.
    In diesen Krieg ist Deutschland nach den 11.9.2001 eingestiegen weil das die USA von uns so wollten . Für mich ist es unerträglich zu sehen ,das für die vielen Hunderttausenden Zivilen Oper an Frauen und Kinder wirklich keiner zur Verantwortung gezogen wird. Nicht einmal die Bereitschaft zum Wiederaufbau der hinterlassenen Zerstörungen ist da .Wird damit nicht die Bestrafung der Schuldigen den erstarkten Terroristen überlassen ??

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  2. Richard Roßmanith

    Die Forderung einer umfassenden Aufarbeitung und Auswertung des Einsatzes ist absolut berechtigt. Es gibt enorm viel aufzuarbeiten. Ich möchte aber auch darauf hinweisen, dass es keinen deutschen Afghanistaneinsatz gab – auch wenn das bei vielen hier im Lande oft so gesehen wurde. Afghanistan ist auch mehr als Kundus oder MeS. Der Einsatz war zunächst eine Operation der Willigen unter amerikanischer Führung. Nach eingen Jahren – auch auf Drängen der deutschen Regierung – wurde er eine NATO-Operation. Übrigens die Amerikaner sprachen immer von einer US-Operation, die von der NATO unterstützt wurde. Politisch aber auch militärisch zentral wird bei der Aufarbeitung die Frage sein, welche Reflektion die US-Führung in der Politk, in der militärischen Operation aber auch in der Entwicklung des Landes und des Nation Building bei Verbündeten erfahren hat und wie diese wirksam geworden ist. Das gilt für alle Phasen des Einsatzes, aber insbesondere für die letzte Phase der vergangenen 12 bis 24 Monate.
    Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass die ganze Sache zu einem anderen Ende hätte geführt werden können. Im Übrigen ist noch längst nicht entschieden, wohin die Entwicklungen der nächsten Wochen und Monate führen werden. Sehr wahrscheinlich werden wir einen nun mit verkehrten Fronten geführten gewaltsamen und blutigen Machtkampf erleben, den wir dann von außen betrachten werden. Wir werden lediglich mit den folgen zu tun haben.

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  3. Rudolf Horsch

    Ich befürchte, dass die Aufarbeitung des in ein Desaster gemündeter Einsatz nur unter dem Aspekt der Schuldzuweisung an Andere erfolgt und sich nur auf den militärischen Teil beziehen wird und dass andere Verantwortlichkeiten wie z.B. der Politik (Regierung, Parlament, Parteien) oder ziviler Organisationen, Bündnispartner nicht beleuchtet werden. Dies lässt sich im gerade begonnenen Bundestagswahlkampf bereits ansatzweise erkennen.
    Dabei könnte eine echte Einsatzkritik helfen, Fehler in ähnlichen Szenarien (Stichwort Mali, Sahel) zu vermeiden.

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