Zur Bewertung nuklearer Bedrohungen

Am 8. Januar 2020 stürzte im Iran ein ukrainisches Verkehrsflugzeug ab. Die 176 Insassen starben. Wenige Tage später, also ziemlich genau vor drei Jahren, kam heraus, dass dieses Flugzeug aus Versehen von der iranischen Luftabwehr abgeschossen wurde.

Warum konnte so etwas geschehen? Am 3. Januar 2020 hatten die USA den iranischen General Soleimani mit einem Drohnenangriff getötet. Als Vergeltungsangriff hat der Iran wenige Tage später amerikanische Stellungen im Irak angegriffen. Kurz danach wurde das ukrainische Verkehrsflugzeug aus Versehen abgeschossen. Die Bedienungsmannschaft hatte mit Krieg oder einem Vergeltungsangriff gerechnet und in dieser angespannten Situation das Flugobjekt für einen angreifenden Marschflugkörper gehalten. Der politische Kontext und eine entsprechende Erwartungshaltung hatten bei der Situationsbewertung möglicherweise höheres Gewicht als rein sachliche Fakten, wie z.B. die Größe des Radarsignals, das für einen Marschflugkörper eigentlich zu groß war.

Kann es in Krisensituationen auch in Zusammenhang mit Alarmmeldungen in Frühwarnsystemen für nukleare Bedrohungen zu gefährlichen Fehlkalkulationen kommen?

Frühwarnsysteme für nuklearen Bedrohungen basieren auf Sensoren und sehr komplexen Computer-Netzwerken und dienen dazu einen Angriff mit Atomwaffen so früh zu erkennen, dass ein nuklearer Gegenschlag gestartet werden kann, bevor die gegnerischen Atomwaffen einschlagen und eine Gegenreaktion erschweren oder verhindern.

In Frühwarnsystemen kann es zu Fehlalarmen kommen, wobei ein Angriff gemeldet wird, obwohl keiner erfolgt. In Friedenszeiten und Phasen politischer Entspannung sind die Risiken sehr gering, dass die Bewertung einer Alarmmeldung zu einem atomaren Angriff führt. Die Situation kann sich drastisch ändern, wenn politische Krisensituationen vorliegen, eventuell mit gegenseitigen Drohungen oder wenn in zeitlichem Kontext mit einem Fehlalarm weitere Ereignisse eintreten, die zur Alarmmeldung in Zusammenhang gesetzt werden können.

In der Vergangenheit gab es einige Situationen, in denen es nur durch großes Glück nicht zu einem Atomkrieg aus Versehen kam. Besonders bekannt geworden ist ein Vorfall vom 26.9.1983: Ein Satellit des russischen Frühwarnsystems meldet fünf angreifende Interkontinentalraketen. Da die korrekte Funktion des Satelliten festgestellt wurde, hätte der diensthabende russische Offizier Stanislaw Petrow nach Vorschrift die Warnmeldung weitergeben müssen. Er hielt einen Angriff der USA mit nur fünf Raketen aber für unwahrscheinlich und entschied trotz der Datenlage, dass es ein Fehlalarm sei.

Die Bewertung solcher Alarmmeldungen wird in Zukunft immer schwieriger.

Die Weiterentwicklung von Waffensystemen mit höherer Treffsicherheit und immer kürzeren Flugzeiten (Hyperschallraketen) wird zunehmend Techniken der Künstlichen Intelligenz (KI) erforderlich machen, um für gewisse Teilaufgaben Entscheidungen automatisch zu treffen, da für menschliche Entscheidungen keine Zeit mehr bleibt. Die für eine Entscheidung verfügbaren Daten sind jedoch vage, unsicher und unvollständig. Deshalb können auch KI-Systeme in solchen Situationen nicht zuverlässig entscheiden. In der kurzen verfügbaren Zeit wird es in der Regel auch nicht möglich sein, Entscheidungen der Maschine zu überprüfen. Aufgrund der unsicheren und unvollständigen Datengrundlage werden weder Menschen noch Maschinen in der Lage sein, Alarmmeldungen zuverlässig zu bewerten.

Welche weiteren Möglichkeiten der Bewertung bleiben dem Menschen? Wenn die technischen Systeme keine klaren Antworten liefern, könnte die Erwartungshaltung eine entscheidende Rolle spielen, also Fragen wie: Wie ist die gegenwärtige weltpolitische Lage? Kann dem Gegner derzeit ein solcher Angriff zugetraut werden?

Man kann sich auch die Frage stellen: Wie würde jemand wie Petrow heute bei einer ähnlichen Situation wie am 26.9.1983 entscheiden? Käme es heute in Russland zu einer solchen Alarmmeldung, wüsste der verantwortliche Offizier, dass viele wissenschaftliche, wirtschaftliche und kulturelle Beziehungen abgebrochen sind, und er würde möglicherweise denken: „Niemand will mehr etwas mit uns zu tun haben, alle hassen uns.“ Wie wird bei solchen Gedanken seine Entscheidung ausfallen? Wird er auch jetzt entscheiden, das kann nur ein Fehlalarm sein?

In Krisen- oder Kriegssituationen kann es auch in Zusammenhang mit Atomwaffen leicht zu fatalen Fehlkalkulationen kommen, so wie bei dem versehentlichen Abschuss der ukrainischen Verkehrsmaschine im Iran im Januar 2020.

Prof. Dr. Karl Hans Bläsius ist Professor im Fachbereich Informatik im Fernstudium an der Hochschule Trier. Zu seinem Fachbereich und Interessen gehören u. a. die Themen Künstliche Intelligenz, Dokumentanalyse und Angewandte Logik. Neben seiner Professur engagiert Prof. Dr. Bläsius sich im Rahmen verschiedener Initiativen auch für sicherheitspolitische Themen.

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1 Kommentar

  1. Dr.Elke Koller

    Dieser Artikel von Hans Karl Bläsius beschreibt mit erschrckender Deutlichkeit die Lage, in der wir uns zur Zeit befinden- ein sehr wichtiger Artikel!

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Prof. Dr. Karl Hans Bläsius ist Professor im Fachbereich Informatik im Fernstudium an der Hochschule Trier. Zu seinem Fachbereich und Interessen gehören u. a. die Themen Künstliche Intelligenz, Dokumentanalyse und Angewandte Logik. Neben seiner Professur engagiert Prof. Dr. Bläsius sich im Rahmen verschiedener Initiativen auch für sicherheitspolitische Themen.

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