Zeitenwende – Christliche Friedensethik neu denken?

von | 01.01.2019 | National | 0 Kommentare

„Friede ist mehr als Abwesenheit von Krieg.“

Die von Bundeskanzler Olaf Scholz so bezeichnete Zeitenwende hat zu intensiven Debatten in Deutschland geführt. Russlands Angriffskrieg zeigt Auswirkungen auf vielen Politikfeldern und führt zu kontroversen Analysen und häufig emotional geführten Disputationen. Die Zeitenwende rückte das militärisch geprägte machtpolitische Handeln von Autokratien wie Russland wieder in den Mittelpunkt täglicher Diskussionen. Damit verbunden wird in westlichen Demokratien, und natürlich auch in Deutschland, immer noch um die Frage gerungen, wie geht man mit einem solchen Handeln um, welches etablierte, gemeinsame Regeln der Friedenssicherung, gebrochen hat.

Bundeskanzler Olaf Scholz hat in seiner Zeitenwende-Regierungserklärung die Wiederherstellung der vollen Wehrhaftigkeit unserer Demokratie angekündigt. NATO hat deutlich gemacht, dass der Schwerpunkt kommender Jahre wieder auf gemeinsamer Abschreckung liegen wird. Wirksame Abschreckung beinhaltet nicht nur die militärischen Fähigkeiten, sondern auch den Willen, sich zu verteidigen.

Erstaunlich zurückhaltend in dieser Debatte sind gegenwärtig die Kirchen. Augustinus und Thomas von Aquin entwickelten die Lehre vom gerechten Krieg. Diese knüpft die ethische Rechtfertigung militärischer Gewalt an die Einhaltung bestimmter Kriterien, wie wir sie in ähnlich Weise heute auch im Völkerrecht finden. In den letzten Jahren bewegten sich beide großen christlichen Konfessionen in Deutschland in die Richtung eines Konzeptes des gerechten Friedens. Die evangelische Kirche im Rheinland formulierte es in ihrem 2018 herausgegebenen Diskussionspapier „Auf dem Weg zum gerechten Frieden“ wie folgt:

Das Leitbild vom gerechten Frieden bedeutet einen Paradigmenwechsel gegenüber der Lehre vom gerechten Krieg, der ethische Prinzipien benannte, die zwischenstaatliche Gewaltanwendung rechtfertigen sollten.“

Als Folgerung zieht sich durch dieses Diskussionspapier eine vollkommene Abkehr von der Idee der legitimierten Gewaltanwendung. Muss also in Zeiten eines erneuten durch Abschreckung geprägten Kalten Krieges diese Friedensethik, die sich von der Lehre des gerechten Krieges wegentwickelt hat und sich auf die Theorie des allein gültigen gerechten Friedens hinbewegte auch neu gedacht werden? Führt der von Russland begonnene Krieg in der Mitte Europas auch in der christlichen Friedensethik zu einer Zeitenwende? In jedem Fall sollten die Kirchen in der politischen Diskussion eine ethische und moralische Rolle spielen, die natürlich auch direkt auf die Militärseelsorge und damit die Bundeswehr ausstrahlt. Diese ethischen und moralischen Leitplanken haben sicherlich auch Auswirkungen auf den Verteidigungswillen.

Die Wissenschaftler und Theologen Alois Halbmayr und Josef P. Mautner veröffentlichten im Mai einen Aufsatz dazu mit dem Titel „Ist die christliche Friedensethik an ihr Ende gekommen?“[1] Ihre Schlussfolgerung ist nein, die neu entwickelte Friedensethik vollkommener Gewaltlosigkeit sollte nicht verändert werden.

Manfred Spieker schreibt zur Debatte um Friedensethik: „Dem Risiko der Erpressung kann die christliche Friedensethik nur entkommen, wenn sie der Versuchung zu einem Nuklearpazifismus widersteht“[2].Nach Überzeugung Spiekers bedarf diese in der Friedensethik eines Umdenkens.

Auch Hans-Joachim Vieweger, der amtierende Sprecher des theologisch konservativen „Arbeitskreises Bekennender Christen in Bayern“ stellt fest, die Friedensethik der Evangelischen Kirche in Deutschland zeige Defizite und sollte überdacht werden[3]. Vieweger kritisiert „jene Schönwetter-Theologie, die sich vor allem Gedanken über einen gerechten Frieden gemacht hat und den Gedanken, dass auch Kriege gerechtfertigt sein können, weit weg von sich geschoben hat“. 

Eine neue Friedensethik zu postulieren, diese dann in Scheindebatten ohne Auswirkungen und mögliche Änderungen zu vertreten und die sich verändert habende Realität scheinbar zu ignorieren, reicht nicht aus. Gerade weil die Zeitenwende auch Soldaten und deren Familien betrifft, müssen auch diese in die Debatte einbezogen werden. Die Militärseelsorge spielt dabei eine wichtige Rolle.

Kann eine Friedensideologie, die im Streben nach „Gut-sein-Wollen“ jegliches ethisch kritisierbare Handeln vermeidet, nur das moralisch Unangreifbare verfolgt und die nicht danach Handelnden ins ethische Abseits stellt handlungsleitend für eine christlich geprägte Gesellschaft in einem Europa sein, in welchem die militärische Aggression wieder Einzug gehalten hat? 

Christliche Friedensethik wird sich vor dem Hintergrund des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine und den damit verbundenen jetzigen und möglichen zukünftigen politischen Reaktionen in eine intensive Auseinandersetzung mit der politik- und militärwissenschaftlichen Forschung zu modernen Kriegen und Konflikten begeben müssen. Man wird sicherlich auch über eine biblisch abgeleitete Diskussion um gerechtes Handeln und gerechtfertigtes Handeln nicht herumkommen.

Friede ist mehr als Abwesenheit von Krieg. Ein positiver Friede ist verknüpft mit Recht, Gerechtigkeit, Freiheit, Selbst- und Mitbestimmung, Gleichheit der Menschen. 

Dies zu garantieren, ist eine der Aufgaben unseres Staates. Und dies wird er, im Lichte der jetzt so deutlich gewordenen militärischen Aggression, gegenwärtig primär bewaffnet garantieren können – auch und gerade zum Schutz und zur Sicherheit der Schwachen. Dies schließt eine weitergehende und in die Zukunft gerichtete Vertrauensbildung mit einer Verlagerung weg von primär militärischer Abschreckung selbstredend nicht aus. 

Das ethische Dilemma zwischen einer christlich motivierten Gewaltlosigkeit einerseits und dem Gewalt androhenden Schutz andererseits kann eine Friedensethik nicht auflösen – sie sollte aber Hoffnung und Hilfestellung für die Individuen zur Auflösung der Dilemmata geben. 

Christen können verschiedene Antworten auf die gleiche Frage haben. Genau dies, die Eigenverantwortung des Einzelnen vor Gott, ist es ja, die z.B. den Kern des Denkens Luthers ausgemacht hat und welche auch biblisch begründet zu sein scheint: Gott hat sich für uns entschieden; wir können als Individuen diese Entscheidung annehmen oder ablehnen.

Christlicher Friedensethik kann also nur die Suche nach Möglichkeiten Gewalt begrenzenden und Gewalt beendenden Handelns – auf allen Ebenen sein, auf der Ebene zwischenmenschlicher Nothilfe ebenso wie bei zwischenstaatlicher Diplomatie. Sie muss aber auch immer diejenigen einschließen, die die Notwendigkeit einer Androhung oder des Führens eines von Augustinus und Thomas von Aquin beschriebenen gerechten Krieges für richtig erachten. Eine Debatte über die gegenwärtige Richtung der in Deutschland verfolgten christlichen Friedensethik scheint angebracht.

Reiner Schwalb ist ein Brigadegeneral der Bundeswehr außer Dienst. In seiner letzten Verwendung war er ab Dezember 2011 Verteidigungsattaché an der Deutschen Botschaft Moskau in Russland.

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