Wie lange soll dieser Krieg noch gehen?

Der Ausgang des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine ist ungewiss. Auch die Politik ist sich uneinig darüber, was die Zukunft bringt. Doch eins ist klar: Die Schicksale der Ukraine und Deutschlands waren und sind eng miteinander verwoben.

Sie graben Tote aus. In den neuen Schützengräben am Dnjepr und am Donez finden ukrainische und russische Soldaten noch die Gebeine der Gefallenen des Zweiten Weltkrieges. Beim Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge gehen entsprechende Meldungen ein. 

Denn da die Geografie sich nicht wesentlich verändert hat, verlaufen die Frontlinien oft genau dort, wo vor 80 Jahren die einen oder die anderen, Rote Armee oder Wehrmacht, sich eingegraben hatten. Vier mal, hin und zurück, von West nach Ost, von Ost nach West, rollte 1941-1944 der große verbrecherische Vernichtungskrieg Nazi-Deutschlands verheerend durch die Ukraine. Ein Viertel der Bevölkerung überlebte diese Zeit nicht, acht Millionen verlorene Leben.

Mit keinem anderen westlichen Land ist das Schicksal der Ukraine seit langem im Bösen wie im Guten so eng verbunden wie mit Deutschland, von der Unabhängigkeit 1918 (als Ergebnis des Friedens von Brest-Litowsk) über die Maidan- und die Minsk-Verhandlungen bis zu den Waffenlieferungen heute.

Hört man sich im offiziellen Berlin dieser Tage um, wie es nun weitergehen wird, weitergehen kann oder soll mit dem Russland-Ukraine-Krieg, dann begegnet man im Grunde zwei unterschiedlichen Narrativen:

Erstens sind da die Geopolitiker, für die jetzt schon klar ist, dass Russland seinen Angriffskrieg – auch dank westlicher Ukrainehilfe – nicht mehr gewinnen kann. Nicht militärisch, nicht wirtschaftlich, nicht moralisch. Moskau gehen Material und Personal aus, Putin hat die Initiative verloren, seine Truppen graben sich für den Winter zur Verteidigung ein. 

Was die militärische Unterstützung Kiews angehe, müsse der Westen darauf achten, nur jeweils so viel Kampfkraft nachzurüsten, dass die Ukraine sich verteidigen und auch Territorium stückweise zurückgewinnen könne, aber auf keinen Fall so viel, dass sie befähigt werde, die russische Armee auf dem Gebiet der Ukraine komplett zu zerschlagen. Denn das könne das Risiko einer nuklearen Eskalation enorm erhöhen.

In diesem Szenario hat ein langer Krieg eher Vorteile. Die Zeit laufe innenpolitisch gegen Putin. Irgendwann werde er abgelöst. Er säße, sagen Thinktanker, wie ein Frosch in einem Topf mit Wasser, das immer heißer werde, was er aber nicht merke, bis er platzt.

Zweitens gibt es eine ukrainezentrierte Politikrichtung, die das Kalkül des langen Krieges mit unabsehbar vielen weiteren toten Soldaten und Zivilisten als zynisch ablehnt. Kiew brauche so schnell wie möglich so viele moderne, auch schwere Waffen, wie gerade verfügbar sind, um noch vor dem Winter die Entscheidung suchen zu können. Das Westufer des Dnjepr müsse zurückerobert, der Südflügel der russischen Front gespalten werden. Dann könne man – vielleicht – verhandeln.

Gegen die wiederholten Drohungen des Kreml mit Atomwaffen wenden Russlandexperten dieser Politikrichtung ein, das Land habe in seiner 500-jährigen Geschichte nie alles auf eine Karte gesetzt, keinen Sieg-oder-Untergang-Imperialismus (wie Hitler-Deutschland) verfolgt.

Aber man weiß es nicht.

Die Bundesregierung scheint im Moment jedenfalls, wie auch die USA, eher dem ersten Narrativ zu folgen. Namhafte Abgeordnete von FDP, Grünen, SPD und CDU/CSU werben für das zweite.

Natürlich gibt es in Berlin auch noch andere politische Haltungen zur Ukraine-Frage, etwa Putin-Apologeten oder Frieden-um-jeden-Preis-Freunde. Und es gibt Ahnungslose wie jene Fernsehjournalistin, die mit dem Mikrofon in der Hand aus Winnyzja zugeschaltet war, wo Hitler 1942 sein Führerhauptquartier eingerichtet hatte. Solchen Bezug zur deutsch-ukrainisch-sowjetischen Geschichte muss man kennen und auch benennen. 

Sonst scheint es leicht nur irgendein Krieg irgendwo zu sein, der ärgerlicherweise unsere Energiepreise und die Inflation in die Höhe treibt und mit dem üblichen Flüchtlingselend verbunden ist.

Tatsächlich aber wurde und wird dort bei Isjum und Lisichansk, bei Cherson und Mariupol die Vorgeschichte wieder lebendig; die Schlachten um Kiew und Charkiv wurden erneut geschlagen. Nur dass die Nazis nach gefestigter Kreml-Propaganda heute die Ukrainer sind – mit ihrem jüdischen Nazi-Präsidenten Selenskij an der Spitze. Und die Nazi-Deutschen unterstützen jetzt die ukrainischen Aggressoren gegen Russland, sagen Putins Vaterlandsverteidiger in Moskau.

Wie lange wird dieser Krieg gehen? Und wie wird die Welt danach aussehen? Wir können es nicht wissen, es gibt keinen Plan. Nur Disruption und Nothilfe zur Zeit.

Dieser Beitrag erschien ebenfalls als Kolumne des The Pioneer am 19. Oktober unter https://www.thepioneer.de/originals/thepioneer-expert/articles/wie-lange-soll-dieser-krieg-gehen

Hans-Peter Bartels (* 7. Mai 1961 in Düsseldorf) ist ein deutscher Politiker (SPD). Von 2015 bis 2020 war er für eine Amtszeit Wehrbeauftragter des Deutschen Bundestages. Seit Mai 2022 ist er Präsident der Gesellschaft für Sicherheitspolitik.

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1 Kommentar

  1. Rudolf Horsch

    Wir haben es mit in der Hand!
    Wenn ich auf die gestellte Frage einen Wunsch frei haben würde, wäre meine Antwort: so schnell als möglich oder bis die Ukraine ihre territoriale Unversehrtheit zurückgewonnen hat.
    Mit ist bewusst, dass ein solcher Wunsch so schnell nicht in Erfüllung gehen würde.
    So aber wird der Krieg so lange dauern bis entweder
    a) eine der Kriegsparteien obsiegt oder
    b) bis sich sich Russland entschließt, den Angriff abzubrechen oder
    c) die Ukraine seine Verteidigung aufgibt oder
    d) beide Parteien angesichts der Verluste einsehen, dass eine Fortsetzung sinn- und zwecklos ist.
    Clausewitz würde sagen, es kommt auf das Kriegsziel der Parteien an.
    Dieses besteht im Falle des Angreifers in der Niederwerfung des Gegners, im Falle des Verteidigers in der Ermüdung und Erschöpfung der gegnerischen Kräfte.
    Ob und wann dieser oder jener Zeitpunkt erreichbar ist, hängt auch davon ab, in welchem Maße das Geschehen von außen beeinflusst oder unterstützt wird.
    Hier hat der freie Westen immer noch Möglichkeiten, die längst nicht ausgeschöpft sind.

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