Wie nah ist der Kireg?

Konfrontation zwischen Ost und West?

Der Gemüsemann mit Sprengstoffgürtel auf dem Marktplatz von Kundus schien zeitweise die größte militärische Herausforderung zu sein, der sich die westliche Verteidigungspolitik gegenübersah. Seit 2001 fielen am Hindukusch 3600 Angehörige der internationalen Truppen bei Anschlägen, Hinterhalten und Infanteriegefechten.

Heute, ein Jahr nach unserem bedingungslosen Abzug, interessiert „Afghanistan“, so bitter das ist, niemanden mehr. Zwei Extra-Ausschüsse des Deutschen Bundestages betreiben nachholende Vergangenheitsbewältigung. Aber die strategische Lage hat sich derweil ins Gegenteil verkehrt. Nicht Krisenintervention in asymmetrischen Konflikten irgendwo auf der Welt, sondern Containment feindseliger nuklearer Großmächte in Europa und Ostasien lautet das Gebot der Stunde. Nichts ist vordringlicher als die rasche Wiederherstellung der Fähigkeit zur kollektiven Verteidigung.

Mit Rußlands Überfall auf die Ukraine am 24. Februar 2022 ist die vergleichsweise komfortable „Zwischenzeit“ nach der Ära des Kalten Krieges unübersehbar zu Ende gegangen. Das neue strategische Konzept der Nato hält ausdrücklich fest: „Im euro-atlantischen Raum herrscht kein Frieden.“ Was die nun beginnende Epoche der verschärften geopolitischen Konfrontation bringen wird, wissen wir noch nicht. Sie startet jedenfalls mit einem brutalen imperialen Eroberungskrieg und Atomschlag-Rhetorik aus Moskau sowie mit weiteren Kriegsdrohungen aus Peking.

Bis zum 100. Geburtstag der Volksrepublik-Diktatur 2049 soll China das mächtigste Land der Erde geworden sein, ökonomisch und militärisch. So hat es die Kommunistische Partei unter Xi Jinping verbindlich festgelegt, koste es, was es wolle. Was Wladimir Putin für Rußland vorschwebt, schreibt der Kreml-Despot selbst in seinen geschichts-philosophischen Aufsätzen: Groß-Rußland. Die Freiheit des Westens, Demokratie und Menschenrechte gelten den Gewaltherrschern als tödliche Gefahr. Deshalb hetzen sie die Demokraten in ihrem Machtbereich, deshalb verfolgen sie eine Aussenpolitik der Lüge, Spaltung und Einschüchterung.

Auf der Tagesordnung der Weltgeschichte steht plötzlich erneut die gruselige Metaphysik der nuklearen Abschreckung. Ihr fundamentalster Lehrsatz lautet: Wer zuerst bombt, stirbt als Zweiter. Das Gleichgewicht des Schreckens bindet Europa in einer Weise wieder an die Überlebensversicherung durch den großen amerikanischen Bündnispartner, die wir uns in den letzten dreißig Jahren nicht mehr hätten vorstellen können. Einen „nuklearen Deeskalationsschlag“, wie ihn die weiterentwickelte russische Nukleardoktrin vorsieht, also den Einsatz einer einzelnen taktischen Atomwaffe zur Demonstration der Eskalationsbereitschaft, um etwa gemachte Eroberungen vor dem Eingreifen verbündeter Streitkräfte abzusichern, könnten nur die USA beantworten. (Immer vorausgesetzt, sie bleiben innenpolitisch stabil.) Täten sie es nicht, hätte Rußland in Europa freie Hand. Oder? So läuft die nuklearstrategische Diskussion zur Zeit.

Literarische Fiktion, Romane, in denen die Zeitenwende bereits vor 2022 Gestalt angenommen hatte, gibt es längst. Literatur ist oft ihrer Zeit voraus. In seinem neuesten Thriller, „Never“, läßt der britische Bestsellerautor Ken Follett einen mit djihadistischen Vorfällen in Afrika verbundenen Konflikt zwischen China und den USA eskalieren. Am Ende sitzt die fiktive US-Präsidentin in ihrem kernwaffensicheren Befehlsbunker und muß – während Hawaii seine Atomtoten zählt – eine einsame Entscheidung treffen.

„2034. A Novel of the Next World War“ heißt ein Zukunftsroman, den der ehemalige Nato-Oberbefehlshaber, US-Admiral James G. Stavridis, gemeinsam mit dem Schriftsteller Elliot Ackermann 2021 veröffentlicht hat. Die Zahl im Titel steht für das Jahr, in dem der Dritte Weltkrieg losbricht, China und Amerika im Zentrum. Noch beunruhigender als der erfundene Plot klingt ein Interview, das Stavridis dazu dem „Spiegel“ gegeben hat. Aktive Kameraden hielten sein Szenario für durchaus realistisch, sagt der pensionierte Admiral, allerdings rechneten sie mit einem früheren Showdown: eher 2024 oder 2026.

Es wird also die Aufgabe der heutigen politischen Generation sein, neben allen anderen Menschheitsproblemen, die es zu lösen gibt, den nächsten großen Krieg zu verhüten. Eindeutige Hauptaufgabe der Bundeswehr und aller Bündnisarmeen wird es dabei sein, durch präsente Stärke wirksame Abschreckung zu garantieren. Wieder heißt es: Kämpfen können, um nicht kämpfen zu müssen!

Deutschlands Beitrag als zweitgrößte Nato-Nation und viertgrößte Volkswirtschaft der Welt dürfte in der neuen Systemkonfrontation mit entscheidend werden. Wenn wir nicht vorleben, was wehrhafte Demokratie bedeutet, wie sollten wir das dann von anderen erwarten?

Hans-Peter Bartels (* 7. Mai 1961 in Düsseldorf) ist ein deutscher Politiker (SPD). Von 2015 bis 2020 war er für eine Amtszeit Wehrbeauftragter des Deutschen Bundestages. Seit Mai 2022 ist er Präsident der Gesellschaft für Sicherheitspolitik.

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