Drohnen, Raketen und Clouds

Wehrtechnik der nächsten Generation

Vorletzte Woche fand in Paris wieder die „Eurosatory“ statt, eine der grössten Rüstungsmessen der Welt, vergangene Woche dann in Berlin die ILA, die Internationale Luftfahrtausstellung, mit dem üblichen Militärschwerpunkt. Rüstung hat derzeit Hochkonjunktur.

Was allerdings nicht mehr so ist wie in früheren Jahren: Russische und chinesische Aussteller fehlten völlig, ihr totalitärer Vorhang trennt sie jetzt von den Demokratien der Welt. Und kriegsbedingt fehlte auch die Ukraine. Also keine Riesen-Antonows und keine Suchoi-Flugshow.

In Berlin-Schönefeld wurde überhaupt sehr wenig geflogen. Und die Messe schien von der Besucherinformation bis zum Catering in den Hallen extrem lieblos organisiert. Vielleicht haben wir gerade die letzte ihrer Art am Rande der Hauptstadt erlebt.

Dennoch waren die Schwerpunkte interessant, gerade auch vor dem Hintergrund künftiger Beschaffungsentscheidungen der Bundeswehr.

Bewaffnete Drohnen, die nun auch für die sozialdemokratische Kanzlerpartei in der Ampel-Koalition nicht mehr tabu sind, bieten die bewährten israelischen Leasing-Partner (Heron 1) von IAI an. Das neueste Modell, das unsere Luftwaffe nutzt, heisst Heron-TP. Und nach Vorstellung der Israelis wie auch mancher Militärexperten in Deutschland könnte man einfach dabei bleiben – bewährt, kostenmässig im Rahmen und einsetzbar zu Aufklärungszwecken wie zur Wirkung am Boden mit Hellfire-Raketen.

Tatsächlich wird diese Drohnen-Technik aber gerade ein weiteres Mal neu entwickelt: im Rahmen eines europäischen PESCO-Projekts auf Kosten von Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien. Bei dieser „Eurodrohne“ geht es erstens um die Technologie-Souveränität Europas und zweitens auch schon um Vorarbeiten für das ambitionierte „Future Combat Air System (FCAS)“, das Nachfolgesystem von Eurofighter und Rafale – mit eigener „Combat Cloud“ und futuristischen Drohnenschwärmen, bezahlt von Deutschland, Frankreich und Spanien. Die Zukunft von FCAS hat gerade erst begonnen. Allerdings kann sie bald schon wieder scheitern: am Geld oder an französischen Befindlichkeiten (und Mehrheitsverhältnissen). Oder am Konkurrenzprojekt „Tempest“ (daran arbeiten gerade Briten, Italiener und Schweden). Denn gleich zwei alternative, megateure Kampfflugzeug-Programme der sechsten Generation braucht Europa wahrlich nicht.

Die Eurodrohne von Airbus, Dassault und Leonardo aber kommt. Erst einmal für alle drei Programm-Nationen 60 Stück. Für Entwicklung und Beschaffung sind sieben Millionen Euro bewilligt. Jeder dieser ferngesteuerten Propellerflieger kostet also erst einmal etwas mehr als 100 Millionen Euro das Stück.

Dagegen kämpft der globale Drohnen-Platzhirsch, die Firma General Atomics aus den USA mit ihren Predator- und Reaper-UAVs, die zum Stückpreis von 10 Millionen Euro zu haben sein sollen. Aufgrund der US-Einsatzpraxis des „tageted killing“ ist das Image dieser unbemannten Flugzeuge allerdings politisch belastet, jedenfalls in der deutschen Debatte. Trotzdem investiert die deutschsprachige Eigentümerfamilie in Deutschland und lässt auf der ILA werben. Aktuell setzt man darauf, dass die Bundeswehr Bedarf an weitreichenden Marinedrohnen haben müsste, weil die gerade bestellten fünf amerikanischen Seefernaufklärungs-Flugzeuge P8 (bemannt) definitiv nicht ausreichen werden.

Einen zweiten Schwerpunkt im militärischen Teil der ILA bildete das neu aufgekommene Thema Raketenabwehr gegen russische Nuklearbedrohungen. Hier ist wiederum Israel/IAI mit dem extraatmosphärischen Abwehrsystem „Arrow-3“ am Start, vergleichsweise preisgünstig und mit grosser Raumabdeckung. Dagegen bieten amerikanische Firmen, namentlich Lockheed Martin und Raytheon, mit weiterentwickelten Patriot-Feuereinheiten, wie sie die Luftwaffe schon hat, mit THAAD und mit dem see- oder landgestützten „Aegis“-System leistungsstarke Alternativen.

Dass FCAS oder die erweiterte Raketenabwehr aus dem 100-Milliarden-Euro-Sondervermögen der Ampel-Koalition zu finanzieren ist, dürfte ausgeschlossen sein.

Dafür braucht die Bundeswehr, wie Bundeskanzler Olaf Scholz es in seiner Zeitenwende-Rede angekündigt hat, dauerhaft einen Verteidigungsetat oberhalb von zwei Prozent des deutschen Sozialprodukts. In den 80er Jahren, den letzten Jahren des Kalten Krieges, lag übrigens die westdeutsche BIP-Quote für unsere Verteidigung bei 3,5 Prozent. Und die Bundesrepublik Deutschland war damals weder pleite noch militaristisch.

Wohin in den nächsten Jahren die verteidigungspolitische Reise gehen könnte – abhängig von der Qualität der Bedrohung –, war jetzt jedenfalls auf dieser (vielleicht letzten) ILA in Berlin zu besichtigen.

Dieser Artikel erschien am 28.06.2022 unter https://www.thepioneer.de/originals/thepioneer-expert/articles/drohnen-raketen-und-clouds

Dr. Hans-Peter Bartels (* 7. Mai 1961 in Düsseldorf) gehörte von 1998 bis 2015 dem Deutschen Bundestag als direkt gewählter Abgeordneter (SPD) an. Von 2015 bis 2020 war er Wehrbeauftragter des Deutschen Bundestages und setzte sich in seiner Amtszeit intensiv für eine bessere Ausstattung der Bundeswehr ein. Seit Mai 2022 ist er Präsident der Gesellschaft für Sicherheitspolitik e.V.

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1 Kommentar

  1. Kersten Lahl

    In der Analyse des Krieges in der Ukraine dominieren nach wie vor die althergebrachten Waffensysteme, von der Artillerie über den Kampfpanzer bis zum bemannten Kampfflugzeug. Sie spielen immer noch eine zentrale Rolle in der Kriegsführung und werden das auch weiter tun. Aber Vorsicht: Die Zukunft wird noch sehr viel komplexer. Dies vor allem mit Blick auf Drohnen aller Art, verbunden durch Künstliche Intelligenz. Diese Entwicklungen müssen eng verfolgt werden – sonst werden wir sehr schnell und mit fataler Wirkung abgehängt. ILA und Eurosatory sind hier nur ein Vorgeschmack.

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